Weiße und schwarze Magie
Praxis - Praktizierende - Entstehung

Das Deutsche Wörterbuch fährt mit dem oben Zitierten zur 'Zauberkunst' fort: "man unterschied weisze kunst oder theurgie (mit guten geistern) und schwarze kunst oder schwarzkunst [...]." Dabei unterscheiden diese zwei Formen der Magie sich nicht in ihren Methoden, wie Richard Kieckhefer in Magie im Mittelalter feststellt, weshalb es schwierig ist, "eine genaue Unterscheidung zwischen weißer und schwarzer Magie zu treffen, zwischen jenen magischen Praktiken, die menschenfreundlichen Zwecken wie Heilung oder Schutz vor Übel dienen, und der bösen Zauberei." (12) Kieckhefer unterscheidet weiße und schwarze Magie allein durch die angestrebte Absicht, eine Unterscheidung, die nach der Untersuchung Zauberei und Hexenwerk der Historikerin Eva Labouvie ebenso für die frühe Neuzeit gilt:

Zur weißen Magie gehörten nach zeitgenössischem Verständnis alle magischen Bräuche und Anwendungen, die positive Ziele verfolgten, auch wenn hierfür die Zuhilfenahme der Geisterwelt - eigentlich ein Aspekt der schwarzen Magie - notwendig wurde. Zur schwarzen Magie zählten demgemäß Magieformen, die, gemessen an der allgemein vorherrschenden Interessenlage, negative Wirkungen zu erzielen suchten. (13)

Übereinstimmend formuliert Richard Kieckhefer in Magie im Mittelalter: "Der Unterschied zwischen guter und böser Magie lag nicht in ihrer Arbeitsweise oder ihren Prinzipien, sondern einzig und allein in den Zwecken, die angestrebt wurden." (14)

Die Magie - ob nun schwarze oder weiße - steht immer im Zusammenhang mit einem Ritual, mit bestimmten Gegenständen oder Dämonen, oder sie resultiert aus der individuellen magischen Kraft einer einzelnen Person, (15) ist entweder ererbt oder in jahrelangem 'Studium' erlernt worden (16). Die Magie einer Handlung kann z.B. bestehen in der Ähnlichkeit der Handlung zum gewünschten Resultat. Dabei handelt es sich um "sympathetische oder imitative Magie" (17). Eine einheitliche Systematik scheint jedoch nicht zu bestehen, so daß nahezu jeder Autor die magischen Handlungen anders mit den verwendeten Begriffen zusammenfaßt.

Der Magier gießt z.B., verbunden mit einem Ritual, Wasser aus, um Regen zu machen, er pustet, um einen Wind zu erzeugen, oder er fügt einem symbolischen Abbild seines Opfers den Schaden zu, den das Opfer selbst erleiden soll. Die Magie kann die Berührung durch einen magische Kräfte enthaltenden Gegenstand sein: Bei einer Vergiftung z.B. zieht eine ebenfalls giftige Kröte das Gift aus dem Körper an sich. Handschrift der sator-arepo-Formel, KnittlingenDahinter steht die Vorstellung von einer Art 'Magnetismus', der gleichartige Stoffe sich gegenseitig anziehen läßt. Das stärkere Gift der Kröte zieht das schwächere aus dem kranken Körper heraus. Eine weitere Möglichkeit ist die 'Aufladung' eines beliebigen Gegenstandes mit magischen Kräften, um ein Amulett oder einen Talisman herzustellen. Amulette bestehen aus pflanzlichen oder tierischen Materialien, Steinen oder Holz. Talismane sind Papier, auch Holz oder Steine, die mit Schriftzeichen oder ganzen Formeln, z.B. Gebeten, beschriftet sind. (18) Im Rahmen eines Rituals hergestellt, können sie als Schutz vor Krankheit oder bösem Zauber dienen, eine bereits eingetretene Krankheit vertreiben, d.h. die Dämonen, welche die Krankheit verursacht haben, oder Krankheit oder Schaden hervorrufen, wenn jemandem das Amulett unbemerkt zugespielt wird.sator-arepo-Formel auf Pergament, 16. Jhd.

Die Magie wurde stets als ein fester Bestandteil der Wirklichkeit betrachtet, sie galt als allgegenwärtig und wirksam. So formuliert Wolfgang Behringer in Hexen und Hexenprozesse:

Das »christliche Mittelalter« mag für weite Teile der Bevölkerung weit weniger christlich gewesen sein, als man dies aufgrund der Literatur dieser Zeit annehmen würde. Knapp unter der Oberfläche hielt sich eine Vielzahl kultischer Verrichtungen und magischer Vorstellungen [...]. (19)

Magie kam in allen sozialen und religiösen Gruppen vor. Vermutlich existierte im Zusammenhang mit dem magischen Wissen, das innerhalb der größtenteils analphabetischen Landbevölkerung kursierte, keine einheitliche entwickelte magische Theorie. Da dieses Wissen in der Regel mündlich weitergegeben wurde, war es wichtiger, zu bewahren, wie etwas wirkt, als warum es wirkt. Zu dieser Gruppe können auch die für die Landbevölkerung zuständigen Kleriker gerechnet werden, die selten über mehr Bildung als ihre Gemeinde verfügten. (20) Hauptfunktion der Magie war die Heilung und der Schutz sowohl der Menschen als auch der Ernten und des Viehs vor Krankheit bringenden Dämonen: "Eine der bedeutendsten Ursachen von körperlichen Leiden ist die Bosheit von Kobold- und Elfen-Wesen, in christlicher Terminologie und Anschauungsweise Dämonen." (21) Die Magie sollte also dazu beitragen, die Existenz zu sichern. Zusätzlich zu diesem Schutz- und Heilzauber wurde vermutlich eine genau so wenig theoretisch fundierte Astrologie benutzt, um z.B. den korrekten Zeitpunkt für die magischen Handlungen zu bestimmen und damit zu deren Gelingen beizutragen.

Anders verhielt es sich mit den Geistlichen, die lesen und schreiben konnten, vor allem Ordensbrüder, die nicht selten sogar studiert waren, ohne daß sie jedoch akademische Grade erwerben durften. Seit der Neuzeit zählten zu den des Lesens Kundigen auch Vertreter des Bürgertums. In dieser Gruppe dürften eher Astrologie oder Nigromantie praktiziert worden sein. (22) Das Handwörterbuch des Aberglaubens erklärt 'Nigromantie' zunächst, abgeleitet aus 'Nekromantie', als "die Fähigkeit, Tote zu beschwören und zu befragen" (23). Diese Bedeutung behielt der Begriff bis ins 15. Jhd., erweiterte sich dann zu 'Schwarzkunst' bzw. allgemein zu 'Zauberei'. In der Nigromantie kommt es besonders auf die präzise Einhaltung von Ritualen an: sowohl zum eigenen Schutz als auch, um überhaupt erfolgreich zu sein. (24) Diese Rituale aber wurden schriftlich, darüber hinaus lange Zeit auch nur lateinisch überliefert, waren also nur des Lesens Kundigen zugänglich. So formuliert Wolfgang Behringer in Hexen und Hexenprozesse:

Naturgemäß spielten Heil- und Schriftkundige bei der Herstellung und Verbreitung von Zaubermedien eine besondere Rolle: Scharfrichter, Hufschmiede, Quacksalber, Hebammen und Kräuterweiber als Naturkundige auf der einen Seite [als Vertreter der ersten Gruppe], aber auch Ratsherren, Richter und Pfarrer, im Prinzip jeder des Lesens uns Schreibens Mächtige, auf der anderen Seite. (25)

Mit Astrologie zur Wahrsagerei sowie Alchemie zur Herstellung von Gold beschäftigten sich vermutlich auch die Magier an den Höfen. (26) Die Astrologie tritt also einmal als 'eigene Disziplin' zum Wahrsagen, zum zweiten als untergeordneter Bestandteil anderer Formen der Magie auf.

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